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  • Helena

Würdest du das ganze nochmal machen?


Vielleicht, ist es noch zu früh, sein Leben Revue passieren zu lassen und sich selbst zu hinterfragen: Würdest du das alles noch mal so machen? Doch gerade in den letzten Monaten habe ich häufiger E-mails von Müttern bekommen, die wissen wollten, ob Leistungssport das Richtige für ihr Kind ist und ob sich das eigentlich lohnt?


Eine kurz Antwort auf diese Fragen gibt es natürlich nicht. Darum dachte ich mir, widme ich einen Blogpost zu diesem Thema und erzähle, wie ich aus heutiger Sicht mein damaliges Leben betrachte.



Für mich steht fest: Ja, Leistungssport lohnt sich. Auch wenn sich das manchmal vielleicht nicht unbedingt in Medaillen widerspiegeln lässt. Aber das, was einem der Leistungssport lehrt und beibringt ist aus meiner Sicht noch viel wichtiger als der rationale Erfolg. Das hört sich ziemlich plump an, darum will ich darauf etwas näher eingehen. Was hat mich persönlich der Leistungssport gelehrt?


1. Situationen annehmen, reagieren und Lösungen finden.

Im Sport kommen oft unvorhersehbare Situationen auf einen zu. Sei es eine Verletzung, ein unerwartet starker Gegner in der nächsten Runde, ein Trainingswochenenden obwohl man doch eigentlich was mit den Freunden unternehmen wollte, eine Party auf die man nicht gehen kann weil am nächsten Tag ein wichtiges Training ist, eine Klausur in der Schule nach einem 10-tägigen Trainingslager, Sommerferien die keine Ferien sind, Feiertage = Trainingstage, ... . Aus all diesen Situationen habe ich gelernt, dass es für alles eine Lösung gibt. Manchmal ist die Lösung vielleicht nicht zu 100% so, wie man es sich wünsch (Wenn ich z.B. erst später zu einer Geburtstagsfeier gehen konnte, da ich erst noch zum Training muss). Aber es gibt eine Lösung und somit auch keinen Stillstand. Verharrt man in dem "Verpassten", jammert dem hinterher was man nicht haben kann und sieht nicht, welche Möglichkeiten einem diese Situation eröffnet, wird der Leistungssport einen erdrücken. Als Sportler lernt man, die Situationen so anzunehmen, wie sie sind und hinterfragt nur selten, was einem in diesem Moment "entgeht". Das nutze ich in meinem Leben heute immer noch sehr und ich denke, die Grundlage für dieses Denken/Handeln liegt im Sport.


2. Disziplin, Durchhaltevermögen, Ehrgeiz, Zielstrebigkeit.

All die oben genannten Situationen erfordern Charaktereigenschaften wie diese. Ich denke einen gewissen Teil dieser Charaktereigenschaften hat man schon mit in die Wiege gelegt bekommen. Doch der größere Teil bildet sich erst durch die Erziehung Zuhause, in der Schule und natürlich im Sport. Erst jetzt, wo ich selbst anfange meine eigenen Kinder zu erziehen, merke ich, welch großartige Erziehung man durch ein kontinuierliches Training genießt. Heutzutage sind Sportlerinnen und Sportler bereits in jungen Jahren stark gefordert und leben schon sehr früh eine Doppelbelastung. Schule - Training - Schule - Training - Schule - Training. Jeden Tag zur Schule plus 4-6 Trainingseinheiten in der Woche, sind bei vielen Jugendlichen zu bewältigen. Um dieses Pensum schaffen zu können, braucht man natürlich Unterstützung (Eltern, Lehrer, Trainer, Freunde). Doch letztendlich hilft die beste Unterstützung nur wenig, wenn der Sportler/die Sportlerin es nicht auch selbst will und von sich aus ehrgeizig die Anforderungen in der Schule und im Training nachgeht, diszipliniert den Tag plant, um die Stunden, die man zur Verfügung hat, zu nutzen und respektvoll den Menschen gegenüber tritt, die einem auf seinen Weg begleiten. Die wichtigste Eigenschaft ist aus meiner Sicht, Durchhaltevermögen. Nur wenn man lernt, nach Niederlagen wieder aufzustehen, nach Verletzungen zurück an die Spitze zu kommen, nach einer Durststrecke mit wenig Medaillenerfolgen weiter an sich zu glauben, nach negativer Kritik weiter an sich zu arbeiten und den Blick auf das gesetzte Ziel zu richten, nach Trainerwechseln seinen eigenen persönlichen Weg treu zu bleiben, der wird langfristig die größten Erfolge erreichen. Wenn man diese Charaktereigenschaften durch sein Sportlerleben bereits lernt und über viele Jahre bewiesen hat, Doppelbelastungen standzuhalten, der kann dies auch in der Welt außerhalb des Sportes, z.B. im Beruf positiv für sich nutzen. Unternehmen legen immer mehr Wert auf diese sogenannten Soft-Skills und suchen nahezu nach solchen Persönlichkeiten, die Ehrgeiz, Disziplin, Zielstrebigkeit und Durchhaltevermögen/Belastbarkeit mitbringen. Kein Seminar der Welt kann einem das beibringen, was man im Leistungssport an Soft-Skills lernt.

So sah damals bei mir ein normaler Schul-/Trainingstag aus:

07:00 bin ich aus dem Haus, um mit dem Bus zur Schule zu fahren. Die Schule ging meistens bis 13:00/14:00, sodass ich, wenn der Bus rechtzeitig kam, spätestens 14:45 Zuhause war. Dann gab es Mittagessen, danach ein wenig Zeit für Hausaufgaben (Je nach Stundenplan war ich natürlich auch mal früher Zuhause oder konnte Hausaufgaben in den Freistunden machen). 16:45 musste ich wieder mit dem Bus zum Büro von meinem Vater fahren. Der hat mich dann mit dem Auto nach Iserlohn gebracht. Dort hatte ich von 18:00-20:00Uhr Training (je nach dem, wie die Stimmung vom Trainer war). 20:00 ging es dann mit dem Auto zurück. Nach einer Stunde Autofahrt blieb um 21:00 noch kurz Zeit fürs Essen, Tasche packen und schlafen. Denn am nächsten Tag, folgte das Gleiche. Bus - Schule - Bus - Zuhause - Bus - Auto - Training - Auto - Bett.


3. Kulturelle Vielfalt und Toleranz gegenüber anderen Religionen, Einstellungen, Lebensweisen.

Durch den Sport habe ich wahnsinnig viele Länder der Welt bereisen und somit verschiedene Kulturen kennen lernen dürfen. Man fliegt in Städte, die man als "normaler" eventuell niemals auf seinem Urlaubsplan hatte. Beispielsweise sind wir 2011 für die Qualifikation für die Olympischen Spiele nach Baku/Aserbaidschan gereist. Meine Eltern wollten mich bei diesem wichtigen Turnier unterstützen und sind auch nach Baku geflogen. Eine Stadt, die sie ohne meinen Sport wohl niemals bereist hätten, von der sie nachher aber sehr begeistert waren. Für uns Sportler bleibt bei all den schönen Orten die man bereist, leider häufig nicht ganz so viel Zeit für Sightseeing und das richtige Kennenlernen der Stadt. Aber dennoch trifft man auf all seinen Reisen verschiedene Religionen, Kulturen und Lebensweisen mit denen man lernt, umzugehen. Positiv war bei mir auch immer die kulturelle Vielfalt in der eigenen Mannschaft, von denen jeder für sich profitieren konnte. Zwar waren wir alle Deutsche und trugen den Deutschen Adler auf der Brust, dennoch hatten viele ihren eigenen persönlichen immigrativen Hintergründe. So habe ich teilweise in einem Training mit Tunesiern, Griechen, Iranern, Türken, Deutschen, Russen, Kubanern, und (bestimmt noch einigen anderen) zusammen trainiert. In welcher Situation im "normalen" Leben lernt man mit so vielen verschiedenen Kulturen zu arbeiten? Das macht den Sport und besonders das Taekwondo eben auch aus. Toleranz und Respekt!


Es gibt so viele wunderschöne Situationen im Sport und speziell in meiner Karriere, die mir sagen

"Ja, ich würde das alles noch einmal machen".*

Trotz all der Verletzungen, Leidenszeiten und Entbehrungen habe ich aus all diesen "negativen" Situationen, so viel positives herausziehen können, das man sagen kann "ja, es lohnt sich". Als ich mit dem Taekwondo angefangen habe und nach und nach in den Leistungssport "gerutscht" bin, konnten meine Eltern nicht wissen, dass ich einmal was historisches in dieser Sportart hinterlassen werden. Sie haben einfach nur gesehen, dass mir die Sportart viel Freude macht, das ich mit Spaß ins Training und auf Wettkämpfe gefahren bin und das ich den hohen Aufwand von mir aus wollte. Sie mussten mich zu nichts drängen oder überreden. Sie haben mir einfach die elterliche Unterstützung gegeben, die ich zum erreichen meiner Ziele brauchte.

Und das ist auch mein Tipp an euch Eltern, die talentierte Kinder haben und die sich für eine Sache begeistern: Gebt ihnen die Unterstützung die sie brauchen, solange sie es von sich aus wollen. Also: Ja, Leistungssport lohnt sich und ich würde das alles nochmal genauso machen. Denn erst jetzt, wo man die Privilegien des Leistungssports nicht mehr genießt (Reisen, tolle Einkleidung, Einladungen zu Gala-Veranstaltungen, kostenlose Fotoshootings, Hobby=Beruf, Zeitungsberichte, Bekanntheit, ...) realisiert man, wie schön ein Sportlerleben sein kann.


Das nicht immer alles rosig schön ist und es natürlich auch negative Seiten gibt, ist denke ich jedem klar. Aber dazu schreibe ich dann noch mal einen weiteren Blogpost.

Habt ihr weitere Themenvorschläge? Schickt mir doch eine Mail


Eure Helena







* Nur die Fahrtzeiten zum Training waren damals sehr belastend, anstrengend und zum Teil auch nicht förderlich. Für 2 Stunden Training, saß ich 2 Stunden im Auto. Das würde ich bei einer zweiten Karriere anders machen und empfehle ich auch anderen Sportlern. Kurze Wege sind wichtig, um die Zeit effektiv zu nutzen. Ein Leistungszentrum wie in Nürnberg ist dazu ein toller Schritt.

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Helena Stanek (geb. Fromm)

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